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Hoch hinaus mit Holz

Der Berliner Holzbauexperte Tom Kaden soll mit Österreichs erster Professur für Architektur und Holzbau an der TU Graz dem Holzbau Flügel verleihen. Er will keine Leuchtturmprojekte bauen, sondern den Holz als Baustoff aus der Nische holen. Ein Interview.

 

 

Text: Daniela Müller, Fotos: Marija Kanizaj

 

Welche Visionen haben Sie für den Werkstoff Holz? 

Kaden: Meine Vision für den Holzbau lässt sich momentan als positiv verhalten beschreiben. Lassen Sie mich ein Beispiel nennen: Einmal im Jahr ist in Garmisch das Internationale Holzbauforum, das kleinteilig begann, mittlerweile kommen 1.700 Gäste aus aller Welt. Hier werden tolle Projekte architektonischer, ingenieurtechnischer und bauphysikalischer Art vorgestellt. Der aktuelle Trend ist, in die Höhe zu bauen. Zuletzt hat sich das Thema Mehrgeschoßigkeit auch in den Holzbaubereich vorgewagt, es sind viele Leuchtturmprojekte entstanden. Doch genau das sehe ich auch als Problem: Leuchtturmprojekte sind wichtig, aber letztlich muss es darum gehen, den Marktanteil des Werkstoffes signifikant zu verändern, mithin auch in die „Breite“ zu bauen.

… der in Österreich bei rund zwei Prozent liegt … 

Ja, in Deutschland, in Österreich vielleicht ein bisschen mehr, noch mehr in der Schweiz, weil die Baurechtsnormen dort weiter sind. 

In welche Richtung sollte der Holzbau weitergedacht werden? 

Wir müssen systemisch Überlegungen entwickeln für alle möglichen städtischen Anwendungsfälle. Wir wollen in erster Linie über das städtische Haus nachdenken, zwischen fünf und zehn Geschoße. Was nicht heißt, dass wir den kleinteiligen und gewerblichen Holzbau geringschätzen, im Gegenteil, auch dort kommen jeden Tag neue Lösungen hinzu.

Was wird Ihr Beitrag sein, auch, um die Marktfähigkeit zu erhöhen?

In meinen Forschungsprojekten geht es zum Beispiel darum, wie im städtischen Wohnbau industrielle systemische Bauformen eingesetzt werden können. Dies ist auch notwendig, wenn wir die Kostenthematik positiv verändern wollen. Es wird in diesem Zusammenhang viel von Modulbau gesprochen: Im Holzbau versteht man unter Modulbau eine fertige Raumzelle, die auf der Baustelle nur noch montiert werden muss. Um da kostengünstig zu arbeiten, braucht es eine kritische Masse, und diese Quantität an absolut baugleicher Wiederholbarkeit findet man im Wohnbau kaum, hier sind eher der Holztafel-, Massivholz- oder Holzrahmenbau die Themen der Zukunft. Gefühlt gibt es tausend Holzbausysteme und täglich kommen neue hinzu. Es geht darum, die Holzbaukultur mit wenigen überschaubaren Systemen in die Breite zu bringen. 

„Eine Holzfassade macht für mich noch keinen Holzbau.“ 

Tom Kaden, Holzbaupionier

 

Welche Länder sind beim Holzbau Vorreiter?

Im untypischen Holzbauland Großbritannien entwickelt sich der urbane Holzbau sehr gut, auch durch österreichische Unterstützung. Ebenso in Frankreich und der Schweiz. In Vancouver wurde ein Studentenwohnheim realisiert, bei dem H. Kaufmann beratend tätig war. Wichtig ist aber: Wenn wir über eine gewisse Geschossigkeit nachdenken, müssen wir hybrid denken. Solche Gebäude können nicht „aus einem Stamm geschnitzt“, sondern müssen mit anderen Materialien gemischt werden. Dieses Thema weiterzuentwickeln, sehe ich gerade für den universitären Forschungsbereich als hochinteressant an. 

An welche Lösungen denken Sie hier?

Hybride Konstruktionen können Holz-Beton-, Holz-Glas- oder auch diverse Klebeverbindungen sein. Jedes Material wird im Sinne seiner Vorteile eingesetzt und in der Mischung verbinden sich die jeweiligen Vorteile. Wenn wir von Hybridkonstruktionen reden, liegt der Holzanteil natürlich noch bei 85 bis 95 Prozent. Holz hat neben den konstruktiven Möglichkeiten eine „positive“ Bauphysik, gute Dämmeigenschaften und wirkt feuchtigkeitsregulierend. Eine Holzfassade macht für mich noch keinen Holzbau. Im Gegenteil: Wenn wir in Hamburg oder Berlin bauen, sieht man von außen oft nicht, dass es sich um eine Holzkonstruktion handelt. Das ist für mich nicht zwingend notwendig. 


Tom Kaden sieht in der Steiermark in Sachen Holzbau noch viel Luft nach oben.

 

Inwieweit bremsen die vorher schon erwähnten Verordnungen den Fortschritt?

Der moderne Holzbau ist technologisch sehr viel weiter, als er in den meisten Landesbauordnungen abgebildet ist. In Deutschland etwa ist die Feuerwehr oft ein großer Fürsprecher für den gut konstruierten Holzbau, dort weiß der Feuerwehrmann, dass die Abbrandrate beispielsweise bei einer ungekapselten BSH-Fichtenstütze bei ca. 0,2 mm/min liegt und er mithin sein Schutzziel erreichen wird. Doch gibt es ein Konglomerat an Gesetzestexten, die uns teilweise noch zwingen, Holzkonstruktion überbordend zu kapseln. Beim Thema Holz gibt es noch immer zu wenig baurechtliche Klarheit. Auch der Schallschutz stellt technisch längst kein Problem mehr dar. Wir bauen mittlerweile auch mit reinen Holzdecken aus Brettsperrholz, welches im Übrigen an der Universität Graz entwickelt wurde, und einem komplett trockenen verbundfreien Aufbau. Der aktuelle Holzbau ist durchaus in der Lage, für alle gerade auch städtischen Anwendungsfälle Lösungen anzubieten. 

Warum funktioniert das in London scheinbar besser?

In London lässt sich aus baurechtlicher Sicht problemloser in die Höhe bauen als beispielsweise in Deutschland. Die Engländer denken bei diesem Thema wirtschaftlicher und sehr zielorientiert. Dort entstehen viele Projekte aus dem Grund heraus, dass die Holzkonstruktionen mit ihren kurzen Bauzeiten aufgrund des hohen Vorfertigungsgrades günstiger sind. 

Apropos: Wie viel Luft nach oben sehen Sie in der Steiermark in Sachen Holzbau? 

Sehr viel, allerdings müssen hier die städtebaulichen Situationen beachtet werden; auch hier geht es eher um Verdichtung in die Breite, und im Bereich der Vier- bis Achtgeschoßigkeit ist noch viel möglich. Doch man muss unbedingt erwähnen, dass rund um eine starke Holzbauarchitekturszene schon viel in Bewegung ist. 

Wie weit weg ist die Steiermark noch von Vorarlberg?

Vorarlberg ist außerhalb jeder Konkurrenz, allein wenn man die Dichte an Zimmereibetrieben und spezialisierten Architekten betrachtet, ist das eine eigene Kulturregion. Architekten wie Hermann Kaufmann oder Dietrich/Untertrifaller sind beispielgebend, diese wunderschönen Traditionen zu verstehen, zu erhalten, aber auch weiterzuentwickeln. Da steht ganz selbstverständlich die 300 Jahre alte sensibel sanierte und umgenutzte Scheune neben dem modernen Neubau. Nicht zu vergessen ist hierbei auch der positive Dialog zwischen Architekten und ausführenden Firmen. 

Wenn man die Bilanz eines Gebäudes über den gesamten Lebenszyklus betrachtet, wird sie vermutlich zugunsten des Holzbaus ausfallen. In der Praxis werden dennoch günstigere Bauformen den Vorrang erhalten. Sollte es hier nicht ein Umdenken geben?

Ja, dass dies notwendig ist, darüber sind wir uns alle einig. Doch wenn es hart auf hart kommt, spielt es im Bewusstsein der Auftraggeber doch keine allzu große Rolle. Da geht es darum, was das Gebäude vom ersten Spatenstich bis zur Übergabe kostet, graue Energie, Veränderbarkeit oder auch Rückbau sind dabei leider keine relevanten Themen. Doch gerade hier bräuchte es politische und mithin gesetzestextliche Visionen.

Info

Tom Kaden ist Inhaber von Österreichs erster Professur für Architektur und Holzbau an der TU Graz. Er beschäftigt sich seit über 20 Jahren mit dem Holzbau und setzt diesen umweltschonenden Baustoff im urbanen Bereich ein. In Berlin tragen einige Holzhochhäuser seine Handschrift. Kaden studierte zunächst an der Fachhochschule für angewandte Kunst in Schneeberg/Zwickau und beendete seine Ausbildung 1991 an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee. Vor 15 Jahren gründete er die Bürogemeinschaft Kaden Klingbeil und seit 2015 führt Tom Kaden gemeinsam mit Markus Lager das Berliner Büro Kaden + Lager GmbH. 

Die Stiftungsprofessur wird finanziert von der Arbeitsgemeinschaft der österreichischen Holzwirtschaft, proHolz, Wirtschaftskammer und dem Land Steiermark.

 

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